Reportage, travel

Das alkoholische Alphorn

Eindrücke von der Internationalen Konferenz der Anonymen Alkoholiker

Juli 2015

Atlanta, Georgia. Im normalen Leben ist der Alkoholismus ein ziemlicher Turn-Off, der zwischen peinlich und tragisch oszilliert. Darum gibt es wohl auch kaum eine Club-Mitgliedschaft, die weniger begehrt ist, als die der Anonymen Alkoholiker. Es ist ja schon schlimm genug, sich selbst eingestehen zu müssen, ein Loser zu sein. Es anderen Leuten auf die Nase zu binden, steigert die Demütigung auf den nächsten Level. Aufgrund des Dramapotenzials kommt keine anständige Seifenoper ohne ein AA-Meeting mit einem zünftigen Nervenzusammenbruch aus, bei dem sich seelische Wracks ausheulen, während ringsum schlecht angezogenen Ex-Trinker betreten auf den Teppich schauen.

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Alkoholiker und trotzdem gut drauf

Am Independence Day in Atlanta sieht die Sache anders aus. Um die 60,000 nüchterne Alkoholiker haben sich hier versammelt, um das 80-jährige Bestehen ihrer Selbsthilfegruppe zu feiern, die weltweit um die zwei Millionen Mitglieder zählt. Im Georgia Dome fiebern sie alle dem Moment entgegen, als eine kurzhaarige Afro-Amerikanerin in einem gelben T-Shirt vor das Mikrofon tritt: “Mein Name ist Stefanie”, sagt die stabil gebaute Mittfünfzigerin, “und ich bin Alkoholikerin.” Es ist ein Eingeständnis, das mit frenetischem Beifall quittiert wird. Zwanzig Minuten lang erzählt die Gewerkschafterin aus Brooklyn aus ihrem Leben. Wie alle AA-Geschichten immer im selben Format: Trink- und Leidensphase, Wendepunkt, Nüchternheit und Erlösung dank AA und seinem Zwölfschritteprogramm. “Ein Alkoholiker alleine kann nicht nüchtern bleiben. Doch wenn er mit einem anderen Alkoholiker seine Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilt, kann er seine Krankheit dauerhaft überwinden”, erklärt der (anonyme) Pressesprecher, ein nachdenklicher Mann, der wie viele AA-Mitglieder so gesund aussieht, als hätte er in seinem Leben noch nie ein Schnapsglas schief angeschaut.

Als nächstes wird dem Publikum etwas Alternatives geboten – zumindest, was die Verpackung betrifft. “Ich bin eine taubstumme, schwule, jüdische Schlampe”, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher, während auf der Leinwand ein glatzköpfiger Mittvierziger mit Hornbrille gestikuliert. “Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich bin hier, weil ich Alkoholiker bin.” Wilder Beifall. Pointenreich, intelligent und witzig berichtet der Schriftsteller aus Kalifornien aus seinem Leben; auch er predigt wie die anderen Sprecher die heilende Medizin der zwölf Schritte. Ein Sprecher folgt dem anderen: schwarz, weiß, alt, jung, lesbisch, hetero – die Formel bleibt dieselbe. Immer wieder “teilen” Alkoholiker ihre Trinkergeschichte miteinander, wie es einst die AA-Urväter Bill Wilson und Dr. Bob Smith taten, um sich den nächsten Whisky auszureden. Immer wieder lachen sie über die tragischsten und peinlichsten Momente, nur um Sekunden später zu verstummen, wenn es eine bewegende Anekdote gibt: von der ergrauten lesbischen Frau, die in den 80-Jahren ihre AIDS-kranken AA-Freunde auf deren Leidensweg begleitete, oder von der Krebskranken, die sich auf der Konferenz noch einmal Mut machen will, bevor sie sich ihren Tumor operieren lässt. “Ihr alle seid Wunder”, ruft sie in den Raum, “und in den nächsten Wochen werde ich ein Wunder brauchen.”

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Für diesen AA-Jünger ist Gott immer die Antwort

“Wunder”, “Gnade” und natürlich immer wieder Gott, die konfessionsfreie höhere Macht, die es laut AA unverbesserlichen Saufbolden ermöglicht, die Dose Bier heute mal in der Tanke zu lassen. Der bisweilen recht moralinsaure Kern der Geschichte wird von keinem besser mit Humor überzuckert als von Clancy I., einem 87-jährigen Sozialarbeiter, der von seinen Jüngern in der “Pacific Group” flammenden Herzens verehrt wird. Im “Atlanta Tabernacle” einem verschnörkelten Theater, das wie eine Wild West Kulisse aussieht, erzählt der greise Guru neunzig Minuten lang Schwänke aus seinem Leben. Mit der Stimme eines weißen Satchmos lässt der Ex-Matrose seine Sauftouren Revue passieren lässt, berichtet mit Kraftausdrücken von seinem alkoholbedingten Versagen als Ehemann und Vater, bis er dem Kichersaft 1958 ein für alle mal abschwor. Über mangelndes Interesse muss sich der AA-Pate nicht beklagen: schon zwei Stunden, bevor seine Rede beginnt, bildet sich eine Schlange – vor allem junge Leute scheinen den alten Herren, der als Zuchtmeister bekannt ist, zu verehren. “Du bist nicht Alkoholiker, weil Alkohol dein Problem ist”, erklärt er, “Du bist Alkoholiker, weil Alkohol deine Antwort ist.” Sentenzen wie diese kommen gut an; überhaupt hört man allenthalben Schlagworte und Maximen, die Vages eindeutig und Widersprüchliches einfach machen, um so das Leben “nur für einen Tag” zu meistern.

Wir wären nicht in Amerika, wenn es nicht auch nach diesem Event einen Hard Sell gäbe: für $15 ist der Spielfilm “Grace” zu erstehen, in dem eine attraktive Brünette ihre Trunksucht überwindet. Auch an anderer Merchandise gibt es hier keinen Mangel. Gegenüber vom “Tabernacle” ist die Sober Village, ein Markt, auf denen diverse Anbieter allerlei genesungsrelevanten Schnickschnack anbieten. Für Mädchen T-Shirts mit dem Slogan “Spiritually Intoxicated” und “Sober Princess”, für die tätowierten Altrocker und Ex-Knackis “Grateful I’m not Dead” und “Bill Wilson rode a Harley”, dazu mit Strass überzogene Medaillons für die Jahre ohne Alkohol. Weitere Staubfänger sind Kühlschrankmagneten mit heilend-spirituellen Begriffen (“wisdom”, “grace”, “serenity”) und reichlich Schmuck, in denen das AA-Symbol (ein Dreieck in einem Kreis) verarbeitet wird. Auch auf Hochglanz polierte Holzschatullen, in denen AA-Mitglieder ihre Bibel, das Buch “Anonyme Alkoholiker”, reliquiengleich aufbewahren können, werden hier angeboten.

Auf dem Gehsteig dudelt ein schottischer Alkoholiker auf seinem Dudelsack, was die Amerikaner, die einen ja schon dafür beklatschen, wenn man aus Idaho kommt, awesome finden. Man möchte meinen, der Zirkus sei nicht zu toppen, als wenige Meter weiter entfernt ein schnurrbärtiger Schweizer eine Ansammlung von Rohren aus seiner Tausche klaubt, um sie zu einem Alpenhorn zusammenzubauen. Dann tutet er eine liebliche Weise, als sei er auf der Graubündner Alm. Dieser Sensory Overload muss selbst den gelassensten Wassertrinker auf eine harte Probe stellen.

Schnell winke ich mir ein Yellow Cab herbei. Was er denn von dem ganzen Trubel halte, frage ich meinen Fahrer. “Ich habe Respekt vor diesen Leuten”, sagt er. “Alle diese Alkoholiker haben aufgehört, ihr Problem zu verleugnen. Ich habe so viele Freunde und Verwandte, die zuviel trinken und es nicht zugeben wollen. Und bei mir in der Straße wohnt eine obdachlose Trinkerin, die jegliche Hilfe entrüstet ablehnt, obwohl sie sich aus der Mülltonne ernährt. Und das war einmal eine Bundesrichterin.”

Laut der 60,000 Alkoholiker im Georgia Dome gibt es selbst für diese Frau noch Hoffnung.

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